Es gibt zwei Arten von Menschen.
Die einen erzählen dir nach einem Wochenende, dass sie Rad fahren waren.
Die anderen spielen Golf.
Der Unterschied?
Der Radfahrer sagt:
"War schön. 120 Kilometer, ein bisschen Gegenwind, guter Kaffee unterwegs."
Der Golfer hingegen beginnt ungefähr so:
"Also am ersten Loch war der Drive eigentlich perfekt. Wirklich perfekt. Nur leider ist er genau in den einzigen Busch geflogen, der dort seit 1987 steht. Dann musste ich quer raus, hatte noch 148 Meter zur Fahne..."
Ab diesem Moment weißt du zwei Dinge.
Erstens: Dein Kaffee wird kalt.
Und zweitens: Das wird dauern.
Sehr lange.
Ich liebe Golf. Sonst würde es diese Seite wahrscheinlich gar nicht geben. Aber manchmal frage ich mich ernsthaft, ob Golfspieler heimlich glauben, jeder Schlag sei ein historisches Ereignis, das unbedingt archiviert werden muss.
Was mich zu dieser Homepage bringt.
Nein, ich möchte hier nicht erzählen, wie viele Fairways ich getroffen habe oder warum mein Drei-Meter-Putt am siebzehnten Loch "eigentlich drin gewesen wäre". Das haben schon genügend andere übernommen. Und meistens erzählen sie es einem nicht nur einmal.
Nein.
Mehrmals.
Mit kleinen Variationen.
Wie ein Director's Cut.
Oder die Extended Version.
Oder die Jubiläumsausgabe.
Natürlich immer mit neuen Details.
"Nein, nein, letztes Mal habe ich vergessen zu erwähnen, dass der Ball nach dem Baum noch den Markierungspfosten touchiert hat..."
Ach so.
Jetzt ergibt alles Sinn.
Was mir dieses Wochenende wieder aufgefallen ist: Golfer besitzen eine bemerkenswerte Fähigkeit, vergangene Schläge in Echtzeit nachzuspielen. Und zwar unabhängig davon, ob du dabei warst.
"Du warst ja am Grün, aber den Drive hast du wahrscheinlich nicht richtig gesehen."
Doch.
Habe ich.
Ich stand zehn Meter neben dir.
Ich habe sogar gesehen, wie du nach dem Abschlag den Schläger leicht enttäuscht angeschaut hast, als hätte er eigenständig beschlossen, den Ball nach rechts ins Rough zu schicken.
Trotzdem bekomme ich jetzt noch einmal die komplette Zusammenfassung.
Mit Flugkurve.
Windrichtung.
Gefühlslage.
Und einer Analyse, die selbst den Tower eines internationalen Flughafens beeindrucken würde.
Dabei frage ich mich manchmal, ob das in anderen Sportarten auch so ist.
Stell dir vor, Rennradfahrer würden sich genauso unterhalten.
"Also in der dritten Kurve am Großglockner habe ich innen eingelenkt. Dann leicht gebremst. Dann wieder gelöst. Dann bin ich einen halben Meter weiter außen gefahren, weil ein Stein da lag. Danach wieder links..."
Oder Skifahrer.
"Die ersten fünf Schwünge auf der Hohen Scharte Nordabfahrt waren wirklich stark. Der sechste war minimal zu spät. Dann habe ich den Stock etwas früher eingesetzt. Im unteren Drittel wurde der Schnee weicher..."
Nach ungefähr vier Minuten würde wahrscheinlich jemand höflich fragen:
"Möchtest du vielleicht einfach sagen, dass es eine schöne Abfahrt war?"
Warum funktioniert das beim Golf nicht?
Warum erinnern wir uns an jeden einzelnen Schlag, als wäre er Teil einer Netflix-Serie mit acht Staffeln?
Vielleicht liegt es daran, dass Golf unglaublich viel Zeit zwischen den Schlägen lässt.
Da ist genügend Raum, um über den letzten Fehler nachzudenken.
Oder über den nächsten.
Oder über den Schlag, den man vor drei Wochen auf Loch zwölf gespielt hat und der eigentlich ein Birdie hätte werden müssen.
Golf ist wahrscheinlich die einzige Sportart, bei der Menschen ihre eigenen Highlights häufiger anschauen als Profis ihre Karriere.
Und ich nehme mich da gar nicht aus.
Ich habe mich selbst schon dabei ertappt, wie ich jemandem erklärt habe, warum dieser eine Eisen-sieben-Schlag auf einem Par 3 eigentlich außergewöhnlich war.
Mitten im Erzählen wurde mir plötzlich klar:
Markus ...
Niemand außer dir interessiert sich gerade dafür, dass der Ball nach der Landung exakt einen halben Meter zurückgerollt ist.
Nicht einmal der Ball.
Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum ich diese Seite schreibe.
Nicht, um den perfekten Golfschlag festzuhalten.
Sondern die Geschichten rundherum.
Die kleinen Beobachtungen.
Die absurden Momente.
Die Menschen.
Die Gespräche.
Das Lachen nach einem missglückten Chip.
Den Kaffee vor der Runde.
Den Sonnenaufgang über dem ersten Abschlag.
Den kurzen Moment, wenn der Platz noch still ist und niemand darüber diskutiert, warum der Putt auf Loch acht gestern eigentlich eine andere Linie hatte.
Golf ist nämlich viel größer als ein Score.
Und definitiv größer als die Erinnerung an den einen Drive, den man seit vier Wochen jedem erzählt.
Vielleicht sollten wir öfter erzählen, mit wem wir gespielt haben.
Worüber wir gelacht haben.
Welche Begegnung uns im Gedächtnis geblieben ist.
Welcher Moment uns überrascht hat.
Denn ganz ehrlich:
An den perfekten Schlag erinnert sich meistens nur derjenige, der ihn gespielt hat.
An eine gute Geschichte erinnern sich alle.
Und genau deshalb gibt es diese Seite.
Nicht als digitales Logbuch meiner Scorekarten.
Sondern als Sammlung von Gedanken, Erlebnissen und Geschichten – mal über Golf, mal über das Leben und manchmal über beides gleichzeitig.
Falls dabei gelegentlich ein bisschen Sarkasmus mitschwingt, dann nie aus Bosheit.
Sondern aus Zuneigung.
Denn seien wir ehrlich:
Golfspieler sind manchmal schon ein ganz besonderes Volk.
Ich darf das sagen.
Ich bin einer von ihnen.